„Haveyaa’readyseenkoalas?“ – Unterwegs mit Einheimischen // Australien

Aufgesucht & angesehen

Koalas fehlen uns noch auf der Liste gesehener australischer Tiere. David, der sympathische Endvierziger, den wir erst vor wenigen Tagen kennengelernt haben, scheint das zu ahnen. Er als Einheimischer kennt sich aus – und nimmt uns mit. Über einen Sonntagsausflug, ganz anders als erwartet.

🐨

// 19. 02. 2017 | Australien (North South Wales)

„…’veyaa’readyseenkwalas?“ – David redet schnell, sehr schnell, und mit so ausgeprägtem Dialekt, dass es mich wahnsinnig viel Konzentration kostet, ihm zu folgen.

Die Sonne brennt, ich war zu früh wach und das Denken fällt mir schwer. Auch nach drei Wochen habe ich mich noch nicht an das frühe Aufstehen gewöhnt. Oder überhaupt daran, von einem Wecker aus dem Schlaf gerissen zu werden, egal zu welcher Uhrzeit. Zu normal ist es geworden, einfach auszuschlafen. Und zwar täglich. Den Körper bestimmen zu lassen, wann er genug geruht hat. Ob das gegen Mittag ist oder noch vor Sonnenaufgang, spielt keine Rolle. Nicht mehr. Tatsächlich ist es mir sehr lange schwer gefallen, keinen „Sicherheitswecker“ zu stellen. Obwohl mir theoretisch immer klar war, dass der Körper wohl am Besten weiß, was er braucht – und wie viel davon – behielt in der Praxis dann doch der Kontrollsüchtling in mir die Oberhand. Ich meine: „Sicherheitswecker“ – alleine das Wort schon.

Mittlerweile ist das anders. Plötzlich fühlt es sich absurd falsch an, sich von diesem ekelhaft schrillen Klingeln aus dem Bett quälen zu lassen. Bett! Schlaf! Ich hätte heute definitiv mehr davon gebraucht. Immer weiter driften meine Gedanken ab.

Ich kneife die Augen zusammen. Also was jetzt? Koalas? Ich brauche kurz, um die Wortverkettung aufzudröseln. Etwas länger als Stefan, der hat nämlich mittlerweile längst geantwortet.

Koalas? Nein, die fehlen uns tatsächlich noch.

David lächelt, rattert ein paar schwerverständliche Sätze herunter, Stefan antwortet und ich bin überfordert. Dann ist David plötzlich im Haus verschwunden. Das Haus des Paares für das wir arbeiten. David, der „Floorsanderman“, auch, allerdings nur für vier Tage – heute ist der letzte davon. Schon wenige Sekunden später taucht er mit seinem kleinen Notizbuch wieder auf. Er schreibt uns eine Adresse auf, darunter eine Uhrzeit. Seine Freundin Jacky und er wohnen nur wenige Ortschaften entfernt.

Drei Tage später rollen wir kurz vor acht Uhr morgens auf das Grundstück des Hauses mit der Nummer 24.

Dass wir gerade eben noch kerzengerade und wie elektrisiert im Auto saßen und die Straße nach entsprechendem Haus abscannten, erscheint plötzlich lachhaft. Kaum zu blinzeln hatte ich mich getraut, vor lauter Sorge, die Adresse zu verpassen, nur um jetzt festzustellen, dass die Zahl absolut unübersehbar ist. Kurz muss ich darüber nachdenken, ob ich jemals zuvor einer so überdimensional großen Hausnummer begegnet bin. Ob das ein Witz sein soll? Unweigerlich muss ich an einen Adventskalender denken. An  das verlockende letzte Türchen, dass sich mit seinem penetranten Riesenaufdruck in den Vordergrund drängt und am Ende mit seiner äußerlichen Erscheinung doch nur darüberhinwegzutäuschen versucht, dass sich auch hinter ihm nur ein mickriges Stück alte Schokolade verbirgt.

Zwischen zwei kurz getrimmten Streifen Rasenfläche kommen wir in der breiten Einfahrt zum Stehen. Jacky steht bereits vor der Haustür, offensichtlich wartet sie auf uns. Mit ausladender Bewegung winkt sie uns zu sich. Ein breites Lächeln ziert ihr Gesicht, ihre Augen strahlen und sie ist uns auf Anhieb sympathisch. Die kleine braune Papiertüte mit der goldenen Schleife möchte sie nicht annehmen, sagt sie, und tut es dann doch. Zögerlich, denn „das wäre doch nicht nötig gewesen“. Noch während uns Jacky in das Haus führt, hat sie uns in ein Gespräch verwickelt. Wohingegen mein Smalltalk-Gen eher unausgeprägt ist, scheint den Australiern das Talent, Gespräche zu initiieren und sie am Laufen zu halten, in die Wiege gelegt zu sein.

Wir fühlen uns wohl in ihrer Gesellschaft, ganz so, als würden wir uns längst kennen.

So, als hätten wir uns einfach nur eine Weile nicht mehr gesehen und müssten uns jetzt gegenseitig auf den neuesten Stand bringen, sitzen wir uns in der offenen Küche gegenüber. Kurz abklären, was eigentlich gerade so los ist im Leben des jeweils anderen. Nach kurzer Zeit tänzelt David lachend durch den Türrahmen und klinkt sich gekonnt in das Gespräch ein. Durch den Garten, aus dem er kommt, springt ein kleiner Hund mit wedelndem Schwanz. Eigentlich gehöre er den Nachbarn,  erklärt Jacky und grinst. Meistens jedoch treibt er sich hier herum. Sogar einen Fressnapf hat er mittlerweile im Garten stehen.

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Schon um diese frühe Uhrzeit wirkt David übertrieben energiegeladen. Nur so haben wir ihn bisher erlebt. Er ist einer der Menschen, die es verstehen, alle Anderen mit ihrer guten Laune anzustecken. Ein bisschen Typ Entertainer – angenehm, keiner der aufdringlichen Sorte. Vielleicht ein klein wenig zu aufgekratzt, aber selbst dabei so wunderbar authentisch, dass es schwerfällt, ihn nicht zu mögen. Er trägt Chucks, dazu die weißen Tennissocken straff nach oben gezogen. An seiner überknielangen schwarzen Skaterhose baumelt eine silberne Schlüsselkette, und hätten wir nicht schon längst von seiner Liebe zur USA im Allgemeinen und zum Bundesstaat Texas im Speziellen gewusst, so hätte er sich vermutlich spätestens mit dem verwaschenen T-Shirt mit „Houston“-Aufdruck, das er trägt, zu dieser bekannt.

Also los!

Alle vier hüpfen wir in den geräumigen Van. Später werden wir den großzügigen Stauraum gut gebrauchen können.

Wir fahren durch das Wohngebiet, vorbei an gepflegten Einfamilien- und Reihenhäusern mit akkurat gestutzten Hecken. Dann verlassen wir den Ort, wenig später auch den nächsten. Auf den Straße sind kaum Menschen zu sehen. Vermutlich schläft der Großteil noch, es is noch früh für einen Sonntagmorgen. Wir lassen die Häuser hinter uns und biegen nach einer Weile auf eine schmalere Straße ab, dann nochmal. Bis zu der, von der David vor wenigen Tagen so schwärmte. Die eukalyptusgesäumte teilweise unbefestigte Strecke, die er so gerne mag, nicht viel breiter als ein etwas besserer Feldweg.

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David scheint aufgeregt zu sein, aufgeregter noch als ich. Er krallt sich am Lenkrad fest, während seine Augen unruhig hin- und herwandern. Offensichtlich kann er es kaum abwarten, uns endlich die vielen Koalas zu zeigen. So richtig – denn die Bilder, die er von ihnen auf seinem Handy hat, wurden uns bereits stolz präsentiert. „They are everywhere!“, erklärte er, während er  mit seinem Finger über den Bildschirm wischte und von einem Foto zum nächsten sprang.

Noch ist von „They are everywhere“ nichts zu sehen. 

Während wir in Schrittgeschwindigkeit die abgelegene Straße entlangrollen, reden wir kaum. Unsere komplette Aufmerksamkeit gilt jetzt den Bäumen. Kontakt zu seiner Rückenlehne hat keiner mehr und wir hängen so dicht an den Scheiben, durch die wir starren, dass unsere Nasenspitzen plattgedrückt werden. Weil uns das bald nicht mehr reicht, öffnen wir die Fenster und strecken die Köpfe in die morgendlich-kühle Luft. Sie riecht frisch, sauber irgendwie. Vermutlich liegt das an den vielen Eukalyptusbäumen.

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Es dauert eine Weile, dann begegnet uns der erste Koala. Jacky ist es, die ihn entdeckt. Sie stößt einen kurzen Schrei aus, wir halten an.

Mit einer Sache hatte David definitiv recht: die Tiere sitzen hier ungewöhnlich tief. Das allerdings wird uns erst ein paar Koalabegegnungen später so richtig bewusst werden. Um den Baum versammelt stehen wir da, die Köpfe mit aufgerissenen Augen und zu staunenden Blicken verzerrten Visagen nach oben gerichtet. Muss ziemlich bekloppt aussehen. Ich lasse das kleine graue Fellknäuel nicht aus den Augen, versuche angestrengt vielleicht doch eine Bewegung ausmachen zu können. Vergeblich. Um Energie zu sparen, erfahre ich, schlafen die Baumbewohner bis zu zwanzig Stunden.

Das kann doch nicht alles gewesen sein, davon ist zumindest David immer noch fest überzeugt. Mir hingegen ist mittlerweile fast egal, wie viele der putzigen Tierchen hier genau woauchimmer rumlungern. Ich bin zufrieden, sehr sogar, und von mir aus könnten wir die nächste halbe Stunde auch einfach hier stehen bleiben. Und glotzen. Stattdessen aber knipse ich schnell ein paar halbherzige Fotos, dann steigen wir wieder ins Auto und fahren weiter. Suchend.

Nur einen weiteren Koala können wir noch entdecken. David ist fassungslos, vielleicht sogar enttäuscht. Mehrfach versichern wir ihm, dass wir mehr als zufrieden sind. Ich meine, ein leichtes Kopfschütteln erkannt zu haben.

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Während wir zurück Richtung Zivilisation fahren und die Straßen wieder breiter werden, bin ich gedanklich schon längst wieder zurück in unserem aktuellen Zuhause. Bis Jackys und Davids Worte mich plötzlich zurückholen: Ob wir Hunger haben, wollen sie wissen. Gerne würden sie uns noch zu Poffertjes einladen. Zu denen, die sie ganz besonders gerne mögen. Zum Abschluss, denken wir. Doch tatsächlich werden bis dahin noch viele weitere Stunden vergehen. Später werden wir vielleicht sagen, dass unser gemeinsamer Sonntagsausflug erst an seinem vermeintlichen Ende so richtig begann.

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Gemeinsam schlendern wir über einen riesengroßen Markt, vorbei an alten Büchern, gebrauchter Kleidung und fancy Foodtrucks.

Wir lassen uns durch die Gassen treiben und verlieren dabei immer wieder kurz David aus den Augen. Jacky scheint nicht überrascht, sie kennt das bereits: Er ist in seinem Element. Mit zwei Einkaufswagen des angrenzenden Supermarktes, sammeln wir am Ende seine Errungenschaften ein. In einem kleineren Auto hätten sie sicherlich keinen Platz gefunden.

Bevor wir zu den beiden nach Hause zurück fahren, halten wir bei einem Bistro in ihrer Heimatstadt. Die Inhaberin, eine aufgeweckte Italienerin, freut sich, als sie die bekannten Gesichter erblickt. Die drei kennen sich. Der Ort ist klein, da kennt man sich eben. Jacky und David kommen oft hierher.

Später sitzen wir noch eine Weile im Haus mit der Nummer 24 zusammen. Dort zu sitzen, ist fast, als säße man in einem Museum der 50er- / 60er-Jahre. Wir bestaunen die Einrichtung, die vielen Details; Die Oldtimer, die sorgsam mit Laken abgedeckt in der Garage stehen. Eines der Autos, so glatt poliert, dass man sich darin spiegeln kann, ist ein Mitbringsel von einer ihrer vielen USA-Reisen – wie so vieles hier. Die beiden sind Sammler, vor allem für Flamingos schlägt das Herz der beiden Rockabilly-Fans, die in ihrer Freizeit leidenschaftlich gerne Rock’n’Roll tanzen. Die emotionale Verbindung, die sie zu den einzelnen Stücken aufgebaut haben, kann man spüren, wenn sie mit leuchtenden Augen von ihnen erzählen. Es gibt kaum ein Stück, zu dem sie nichts zu sagen haben: jede Keksdose, jede Puppe – sie alle haben ihre eigene Geschichte.

Wir lauschen ihren Erzählungen. Es ist bereits Nachmittag, als wir uns voneinander verabschieden. Schon als wir rückwärts vom Gelände rollen und Jacky und David uns ein letztes Mal zuwinken, sind wir davon überzeugt, dass uns dieser ganz besondere Sonntagsausflug noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Und die kleine braune Papiertüte mit der goldenen Schleife – Na, die war ja wohl das Mindeste.

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4 Gedanken zu “„Haveyaa’readyseenkoalas?“ – Unterwegs mit Einheimischen // Australien

  1. Das ist sooooo schön geschrieben das ich das Gefühl hab dabei gewesen zu sein. Wie ein richtig tolles Buch was man unbedingt weiter lesen will und nicht aus der Hand legen.
    Vielen Dank für das Teilhaben lassen und bitte mehr davon, wenn den Zeit bleibt
    Ganz liebe Grüße und weiterhin so schöne Erlebnisse

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