Sonne statt Schnee – Wir feiern Weihnachten // Westport, Neuseeland

Abschalten, Alltag

Wir feiern Weihnachten. Fast ganz traditionell und natürlich nicht komplett ohne Vorweihnachtsstress. Gehört ja auch irgendwie dazu.

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Endlich unterwegs! Knapp fünf Wochen lang machen wir zu viert – Marie, Stefan, Henni und ich – die Straßen Neuseelands unsicher (- die genaue Route findet ihr hier).

 – TEIL 6 –

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// 24.12.2016 | Westport, Neuseeland (Südinsel)

Aus der Küche hört man Gerumpel. Außerdem wildes Durcheinandergequassel. Aufgeregte Stimmen, die ich sehr schnell ziemlich sicher zuerst einer Sprache und infolgedessen auch der Gruppe selbst zuordnen kann. Ohbittenein. Bereits am Vormittag hatte mich eine von ihnen so extrem aufgeregt, dass ich für einen Sekundenbruchteil mit dem Gedanken spiele, wieder umzudrehen. Manchmal halte ich andere Menschen nur sehr schwer aus.

Der Anzahl der Stimmen nach zu urteilen, muss die Gruppe den gesamten Raum für sich eingenommen haben. Das vermute ich zumindest, lange noch, bevor die Tür überhaupt in Sichtweite ist. Im Näherkommen kann ich einen Blick durch das Fenster erhaschen. Wie zusammengepfercht hängen die (na klar) deutschen Jugendlichen aufeinander, ganz so, als hätte man sie hierdrin eingesperrt.

Und weil ihnen die Komplettbelagerung alleine nicht auszureichen scheint, haben sie zusätzlich zu der bereits vorhandenen Doppelkochplatte zwei weitere tragbare aufgebaut. Die vor der Küche entdecke ich bereits aus einiger Entfernung, die andere ist so ungeschickt auf einem wackligen Campingklapptisch im Eingangsbereich des Raumes platziert, dass ich bei dem Versuch, mich unfallfrei daran vorbeizuschieben automatisch die Luft anhalte. Als wäre der Raum nicht schon eng genug. Ich blende das Gewusel aus so gut es eben geht und kämpfe mich Richtung Kühlschrank ans andere Ende des kleinen Raumes.

Zum Glück muss ich nur schnell was verräumen. Gekocht habe ich schon am Morgen, einen Teil sogar bereits am Vortag. Sicherheitshalber, um dem vermuteten Stress in der Stoßzeit aus dem Weg gehen zu können, und auch, weil unser Weihnachtsessen einfach Zeit braucht. Und aufgrund der spärlichen Kücheausstattung gute Organisation und einiges an Improvisation. Dass ich mich im Laufe des Tages trotzdem stressen lasse, überrascht mich kaum. Es kommt mir vor, als wäre da etwas in mir verankert, dass verlangt, an Heiligabend gestresst zu sein. Als hätte ich mir einen netten Abend erst dann verdient, wenn ich vorher meine Nerven mindestens einmal so richtig überstrapaziert habe.

„Ich bin genervt von Menschen“

Raus hier. Um den Kühlschrank wieder schließen zu können, muss ich meinen Oberkörper ein wenig nach hinten beugen. Mein Rücken drückt gegen den eines Mädchens. Zu viert stehen sie vor einer der Kochplatten, starren in den Topf; es befindet sich Soße darin. Ich kriege mit, dass sie diskutieren und weil ich nichts mitkriegen will von der Soßendiskussion, habe ich es plötzlich ganz besonders eilig. Innerlich rolle ich mit den Augen. Ich habe noch nie verstanden, wie man überhaupt darauf kommen kann, es sei eine gute Idee, mit so vielen Menschen zu kochen. Das hat mich schon früher zu Klassenfahrtszeiten unendlich gestresst.

Zwei Frauen strecken innerhalb kurzer Zeit unabhängig voneinander ihre Köpfe durch die Küchentür. Beide sind beladen mit Lebensmitteln und Kochutensilien. Noch auf dem Absatz machen sie kehrt. Diese ständige Rücksichtslosigkeit, die uns fast täglich – vor allem auf Campingplätzen und hauptsächlich das Allgemeingut betreffend – begegnet, regt mich auf. Am meisten aber regt mich auf, dass ich mich über etwas aufgerege, über das ich mich nicht aufzuregen habe. Weil es mich gerade nicht betrifft. Aber das ändert nichts, ich bin genervt von Menschen.

Wir versuchen, die Weihnachtsstimmung herbeizuzaubern“

Ich schüttel den Ärger ab und schaffe Platz für positive Gedanken. Immerhin ist heute Weihnachten und ich freue mich auf den Abend. Darauf, ihn mit zwei Menschen verbringen zu dürfen, die mir wirklich wichtig sind. Ich muss zu ihnen. Plötzlich spielt alles andere keine Rolle mehr.

Marie schmückt voller Hingabe den Tisch. Bunte Glitzergirlanden, unser rosa Plastikweihnachtsbaum und Kerzen, für die es sowieso noch viel zu hell ist: Das Arrangement ist wunderbar kitschig und wirkt in diesem Kontext – umgeben von Wiesen, Blumenduft und strahlend blauem Himmel – herrlich deplatziert. Ich wage mich in die Küche, während Marie und Stefan sich ihr Fleisch auf den Grill knallen. Angestoßen haben wir bereits sehr viel früher am Tag. Mit der warmen  Abendsonne im Nacken und vollen Tellern, wiederholen wir das Ganze. Es ist warm und sommerlich. Wir sitzen in kurzer Kleidung am Tisch, versuchen die Weihnachtsstimmung mit Deko und deftigem Essen – Semmelknödel  mit Biersoße, Rote-Beete-Carpaccio, gerösteten Blumenkohl und Gurkensalat – heraufzubeschwören. Schon vor Wochen hat Marie damit begonnen, ihren Kaffee ab und an mit einer Zuckerstange zu garnieren, für die Festtagsstimmung eben. Wirklich weihnachtlich fühlt sich trotz allem keiner von uns. Was dem Gelingen des Abends nicht im Wege steht.

Wir prosten uns zu, beschenken uns und lachen. Am lautesten wahrscheinlich über das Hemd, das Marie für Stefan aus Sri Lanka mitgebracht hat.

„Alles um uns herum wirkt absurd friedlich“

Beim Dessert kommen wir mit den beiden Familien am Nebentisch ins Gespräch. Den Rest des Abends verbringen wir mit ihnen gemeinsam. Wir sitzen in unseren Klappstühlen am Strand, zwischen uns die lodernden Flammen des Lagerfeuers, das Marie zur Feier des Tages bereits am Mittag vorbereitet hatte. Das Holz knackt, im Hintergrund hört man das Meer rauschen, ansonsten: nichts. Der tolle Riesencampingplatz Gentle Annie (Homepage) liegt direkt an der Küste. Trotz des Weihnachtswochenendes ist der Platz angenehm leer: Zufällig kommt hier niemand vorbei, die nächsten Ortschaften sind weit entfernt und alles um uns herum wirkt absurd friedlich. Die Sterne am klaren Nachthimmel strahlen. Und wir. Über das vielleicht schönste Weihnachtsfest aller Zeiten.

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Sophie


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