Wie Kinder: Hot Water Beach // Coromandel, Neuseeland

Aufgesucht & angesehen

Erwachsene Menschen – mit Schaufeln, Schüsseln und Eimern bewaffnet – tummeln sich am Strand und kämpfen um die vermeintlich besten Plätze. Sie graben, als ginge es um ihr Leben.

// 28.11.2016 | Coromandel Peninsula, Neuseeland (Nordinsel)

Was passiert hier eigentlich? – Plötzlich überfällt mich der Gedanke wie unerwarteter Platzregen, ich halte inne und schaue mich um, versuche das Geschehen aus den Augen eines Außenstehenden zu analysieren. Rechts, links, hinter und mittlerweile auch vor uns tummeln sich Menschen auf dem Boden, sitzen im matschignassen Sand, Wellen verschlucken immer wieder sämtliche ihrer Gliedmaßen, klatschen ohne Vorwarnung gegen die sandigen Rücken. Es folgen erschrockene Gesichter, überraschtes Zusammenzucken. Dann geht es weiter. Hastig wird gegraben, immer weiter, mit Schaufeln, Händen, Schüsseln und allem was eben gerade greifbar ist. Der Sand wird energisch zur Seite geschoben, weggeworfen, oft ohne Rücksicht auf die anderen Grabenden. Beinahe werde ich von einer Schaufel erschlagen. Jeder scheint nur mit sich selbst beschäftigt, jeder hat das gleiche Ziel vor Augen. Der eiserne Wille, die beste Grube von allen zu buddeln, schwebt über allem; Der Wunsch endlich drin zu liegen, im selbstgebauten Thermalbecken.

Wir befinden uns irgendwo zwischen den kleinen Ortschaften Hahei und Whitianga. Am Hot Water Beach. Ungefähr zwei Kilometer unter der Erdoberfläche existieren hier in einem bestimmten Abschnitt des Strandes 170° C heiße Gesteinsschichten. Das darüber angesiedelte heiße Wasser dringt durch Risse im Gestein nach oben und tritt aus der Erde aus. Zwei solcher Heißwasserquellen gibt es hier: „Maori“ bringt 64° C, „Orua“ 60° C warmes Wasser.

Jetzt, während der Ebbe, zieht dieser Strandabschnitt besonders viele Menschen an. Touristen und Einheimische. Nur jetzt sind die heißen Quellen nicht vom Meer bedeckt, nur jetzt kann man sich sein eigenes Becken ausheben und im heißen Wasser baden.

Es wird gegraben, mit allen Mitteln, mit aller Kraft. Mit Konzentration. Unterbrochen nur von verstohlenen Blicken nach rechts und links. Gepresste Lippen, starre Gesichtszüge, die Augen zu Schlitzen verengt. Jemand könnte einem ja was wegnehmen, den Platz streitig machen, in die Quere kommen. Eine bessere Stelle gefunden haben. Hätten wir nicht doch weiter rechts bleiben sollen? Es ist ein Kampf. Und die Kämpfer sind wie Kinder. Schlimmer vielleicht, rücksichtsloser, egoistischer. Eine dreiköpfige Gruppe Jungs kommt auch uns irgendwann zu nah. Im Grunde ist genug Platz und trotzdem: Es ist mir zu nah. Viel zu nah. Ich fühle mich bedrängt, habe grundlos Angst um meinen Platz und versuche besonders viel Bodenfläche für mich zu beanspruchen. Dann attackiere ich die schätzungsweise Achtzehn-, maximal Zwanzigjährigen mit fiesen Blicken. Die fiesesten, die ich zu bieten habe. Ich erschrecke über meine kindische Reaktion. Das ist der Moment, in dem ich mir der Absurdität des Ganzen hier bewusst werde. Menschen aller Altersklassen graben als grüben sie um ihr Leben, ohne Sinn und Verstand, ohne Plan. Wieso überhaupt jetzt schon? Der Wasserstand ist noch viel zu hoch, die Wellen machen im Sekundentakt sämtliche Fortschritt zunichte, die hingebungsvoll geklopften Sandmauern stürzen unter der Kraft des Wassers in sich zusammen. Zurück auf Anfang. Schnell die Mauern wieder hochziehen, sie grenzen das eroberte Gebiet ab, halten die Konkurrenz fern. Es ist absurd. Und trotzdem: wir sind mittendrin. Spaß, Motivation, Ärger, Kraftlosigkeit wechseln sich ab, Frust und Freude kämpfen gegeneinander an. Eine Welle nach der anderen bricht sich an meinem Körper, das Wasser beim einen Mal eiskalt, beim anderen fast schmerzhaft heiß. Meine Armmuskeln fangen an zu zucken, meine Hände kämpfen sich durch das Nass, unter den Fingernägeln klebt Sand. Sie reißen ein, brechen ab, ich ignoriere es. Die Sonne brennt wie Feuer auf der Haut, zum Eincremen bleibt keine Zeit. An manchen Stellen blubbert es aus der Erde. Was wirkt, wie kochendes Wasser, ist in Wahrheit eine chemische Reaktion. Die Blubberquelle zieht besonders viele Menschen an, sie versuchen Selfies mit ihr im Hintergrund zu schießen. Der Zeitdruck sitzt uns im Nacken, nur ein bis zwei Stunden vor und nach Tiefstand des Wassers ist die wilde Buddelei erfolgversprechend. Danach sind die heißen Quellen wieder vollständig im Meer verschwunden.

Wir sitzen zwar drin, im heißen Wasser – zumindest ein bisschen – sind aber immer noch mit Buddeln beschäftigt. Eine richtige Mulde kriegen wir nicht zustande, vorher geben wir auf. Uns wird klar: es geht uns gar nicht mehr so sehr um die Fertigstellung des Beckens, eher um das Graben an sich. Wir werden für ein paar Stunden wieder zu Kindern, vergessen alles um uns herum, denken an nichts anderes als unser kleines Bauprojekt. Frust und Freude kämpfen gegeneinander an – Die Freude gewinnt. Es fühlt sich gut an.

Und plötzlich ergibt das alles hier Sinn.

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Sophie

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