Gemischte Gefühle: Floating Islands // Titicacasee, Peru

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Nachdem wir den zuplakatierten Touristenbüros bisher eher ausgewichen sind, Flugblätter ignoriert und den Tagestouren anpreisenden Tafeln in sämtlichen Hostels keine größere Beachtung geschenkt haben, schafft es eine der letztgenannten dann doch unser Interesse zu wecken. Eine Halbtagestour zu den „Floating Islands“, vollkommen unkompliziert und mit umgerechnet sechs Euro pro Person akzeptabel günstig. Buchbar über unsere Unterkunft in  Puno.



// 31.10.2016 | Titicacasee, Puno, Peru

Die schwimmenden Inseln, welche von den Einwohnern selbst – den Uros – aus getrocknetem Totora-Schilf künstlich erschaffen wurden und ständig erneuert und gewartet werden müssen, standen eh auf unserem Plan. Dann können wir auch gleich das Rundum-Sorglos-Paket nehmen: uns vom Hostel abholen und zum Hafen bringen lassen, weiter mit dem Boot über den Titicacasee und am Nachmittag wieder mit dem Taxi zurück. Klingt nicht so schlecht. Jetzt, eine ganze Woche später, weiß ich immer noch nicht so recht, was ich von dem Ausflug halten soll.

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Neunundvierzig der schwimmenden Inseln gibt es auf dem Titicacasee. Wir fahren mit dem Boot an mehreren von ihnen vorbei, sehen üppig behangene Wäscheleinen, spielende Kinder, arbeitende Männer und Frauen. Einige von ihnen sind dabei, neues Schilf zu sammeln, andere verteilen das bereits getrocknete Gewächs kreuzweise auf dem schon bestehenden Bodenbelag. Ständig müssen neue Schichten nachgelegt werden, wirklich „fertig“ ist keine der Inseln jemals. Unter dem zwei Meter hoch geschichten Schilf befinden sich große quadratische Erdblöcke, sie bilden die Basis der Inseln. Noch heute leben hier mehrere hundert Menschen.

Die Inseln, die Boote, die Hütten: Alles ist aus getrocknetem Schilf. Es ist, als würde die Umgebung zu einer goldgelben Einheit verschmelzen.

Die Inseln zu sehen ist wahnsinnig interessant. Zu erfahren, wie sie gebaut werden, welcher Aufwand dahinter steckt. Die ebenfalls aus Schilf gebauten Boote und Hütten der Uros lassen die ganze Umgebung noch unwirklicher erscheinen, als würde alles zu einer goldgelben Einheit verschmelzen. Wir legen an. Der erste Schritt auf dem weichen leicht nachgebenden Boden ist seltsam, ich bin gefesselt von der Umgebung. Hier wohnen also Menschen? Also wirklich? Wir sind kilometerweit vom Festland entfernt und mit das erste, was ich mich frage, ist, ob die Kinder wohl Schulen besuchen.

Man erklärt uns, wie die Inseln aufgebaut sind, zeigt uns einen der mächtigen Erdwürfel. Links von uns bestickt eine der Frauen eine Decke, hinter uns toben Kinder. Die typischen bunten Decken werden uns genauer gezeigt, später werden wir sie kaufen können. Noch kommt mir alles sehr fair vor: Wir zahlen, die Bewohner zeigen uns ihre Insel und verkaufen nebenbei noch ein paar ihrer Handarbeiten. Kein schlechter Deal. Auch wenn von Anfang an alles ziemlich gekünstelt wirkt.

Unser Tourguide erzählt und erzählt und ich – mehr mit der Umgebung beschäftigt – kriege nur die Hälfte mit. Dann werden wir in Kleingruppen eingeteilt und jeweils einer Bewohnerin zugeordnet. Drei Personen pro Gruppe. Wir gehen zu viert.

Eine der Bewohnerinnen zeigt uns ihre winzigkleine Hütte und die angedachte Gruppengröße scheint plötzlich durchaus gerechtfertigt. Die Luft ist beißend, der Raum düster. Mit ihrer ganzen Familie wohne sie hier, erzählt sie uns. Von der Decke baumelt eine Glühbirne, Strom haben die Inselbewohner mittlerweile dank Solarenergie. Es ist eng, ich bin neben der Peruanerin die einzige, die sich nicht ducken muss. Wir staunen und mir ist es unangenehm zu staunen und ich merke, dass es der Hüttenbesitzerin ähnlich geht. Dass sie sich nicht besonders wohlfühlt ist ihr deutlich anzusehen. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir ausmale, welche Sprüche sie sich wohl schon anhören musste. Wir sollen in den Hütten ruhig Fotos machen, sagt der Tourguide. Ich verzichte. Es kommt mir nicht richtig vor. Ein Schritt zu weit. Schon alleine hier drin zu stehen, wie wahrscheinlich mehrere hundert Leute vor und mindestens ebenso viele nach mir, fühlt sich falsch an. Ich bin froh, als wir kehrt machen und zurück nach draußen gehen.

Die frische Luft tut gut. Nur ein, zwei tiefe Atemzüge später artet die Tour plötzlich in eine reine Verkaufsveranstaltung aus. Mich überrascht das genauso wenig, wie es mich stört. Die Leute leben vom Tourismus und den Erlös jedes einzelnen Stückes haben sie sich verdient.

Bevor wir die Insel verlassen, werden wir noch einmal aufgefordert uns im Sitzkreis zu versammeln. Der nicht besonders sympathische Tourguide trommelt die Inselbewohner zusammen, formiert sie zu einer Reihe und fordert sie auf, zum Abschied für uns zu singen. Keiner von ihnen scheint Spaß daran zu haben, der Gesang klingt schief und unsicher, die Stimmen brüchig. Immer wenn ich denke, es ist vorbei, wird ein neues Stück angestimmt. Verschiedene Kinderlieder in verschiedenen Sprachen. Eines davon wird uns als „Alle meine Entchen“ angepriesen, erkannt hätte ich es nicht. Ich fühle mich unwohl, ein bisschen wie im Zoo und verspüre den Drang, dazwischen zu gehen um die unangenehme Situation beenden. Als es vorbei ist, atme ich erleichtert aus. Danke.

Ganz egal wie interessant und faszinierend die schwimmenden Inseln sind und wie froh ich im Grunde bin, sie gesehen zu haben: Auch nach einer Woche weiß ich noch immer nicht so recht, was ich von dem Ausflug halten soll. Meine Gefühle: gespalten.

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Sophie

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