Klarkommen, bitte // Arequipa und die Akklimatisierung, Peru

Angekommen

Es ist Sonntagabend und wir stehen am Busterminal in Ica. Zu den Füßen unsere dicken Rucksäcke, zwei Taschen Handgepäck, unterm Arm mein Nackenkissen. Vor uns liegt eine zwölfstündige Busfahrt. Eine Nachtfahrt – unsere erste.


// 16. – 18.10.2016 

Ein Blick auf Stefans Armbanduhr: Gleich müsste er kommen, unser Bus nach Arequipa. Wir sind bereits seit mehreren Stunden in der Stadt, direkt nachdem wir in Huacachina auschecken mussten ließen wir uns hierher bringen. Wieder ist Ica nicht mehr als ein Zwischenstopp: Nach Sightseeing ist uns nicht, auf größere Menschenansammlungen können wir getrost verzichten und so vertrödeln wir unsere Zeit in einem Bistro, nicht allzu weit entfernt der Busstation. Am Tagesende ist unser Tisch auf dem Balkon der Gaststätte übersät mit leeren Tellern, Gläsern, Flaschen, Tassen. Wahrscheinlich hatte der Kellner schon Sorge, wir würden überhaupt nicht mehr verschwinden. Er wirkte sowieso nicht besonders motiviert.

Von unserem Nachbartisch dringen Stimmen zu uns herüber, Aha, Deutsche! Später werden wir erfahren, dass sie aus Karlsruhe kommen. Gemeinsam warten wir auf unsere Busse und tatsächlich kommt unserer pünktlich. Ich erwarte eine normale Ticketkontrolle, ähnlich wie ich sie aus deutschen Linienbussen kenne – nur mit dem Zusatz, dass wir die Reisepässe zur Identifizierung bereithalten sollen, die Passnummern mussten wir beim Onlinekauf angeben.

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Mit dem was dann folgt, rechne ich nicht. Das Prozedere erinnert eher an die Sicherheitskontrolle am Flughafen. Man nimmt unsere Fingerabdrücke, wir werden gescannt, abgetastet, die Taschen stichprobenartig kontrolliert. Das Ganze wird gefilmt. Man bringt Zettel mit Nummern an unseren Rucksäcken an, das Gegenstück wird an die Fahrkarte getackert; das Gepäck wird verfrachtet und wir tun es ihm gleich. Wieder in der Front Row.

Ich bin überrascht, wie breit und bequem die Sitze tatsächlich sind. Auf ihnen liegen kleine Päckchen, in Plastikfolie eingeschweißte Decken und Kissen. Sicherheitshalber, das haben mich die überklimatisierten öffentlichen Verkehrsmittel in den USA gelehrt, habe ich dicke Stricksocken, eine Wollmütze und mehrere andere zusätzliche Kleidungsstücke eingepackt – in meinem Handgepäck ist praktisch nichts anderes – brauchen werde ich nichts davon. Der Fernseher läuft, wieder viel zu laut. Dieses Mal zeigt er anstatt eines Kinderfilmes eine Komödie mit Kevin James in der Hauptrolle. Auch nicht besser. Wir werden mit Essen versorgt und wieder werden unsere Erwartungen übertroffen. Der Film ist irgendwann zu Ende, gottseidank, Abspann. Keine dreißig Sekunden später geht das Spiel von vorne los. Anderer Film, gleicher Hauptdarsteller. Stefan sagt, er hätte irgendwo gelesen, dass in manchen Bussen die ganze Nacht Filme laufen, in voller Lautstärke. Uff. Nicht mal meine Ohropax können die Stimmen wirklich fernhalten. Tatsächlich geht der Bildschirm irgendwann aus, ich bin erleichtert, doch Schlaf finde ich trotzdem keinen. Damit bin ich ziemlich alleine, wie ich beim Gang nach hinten in Richtung Toilette feststelle. Immer wieder nicke ich kurz ein, von Tiefschlaf keine Spur.

Wir sind nicht faul, wir müssen uns akklimatisieren.

Ankunft in Arequipa. Die Zeit die wir totzuschlagen haben, verbringen wir bei Starbucks. Gut vier Stunden noch, dann können wir in unser Aparthotel (Elf Euro pro Nacht. Zusammen. Inklusive Frühstück) einchecken. Fünfzehn Minuten brauchen wir bis dorthin.

Wir gehen zur Fuß zu unserer Unterkunft und sind danach ziemlich erledigt. Es ist wirklich nicht weit, die Strecke eben und die Rucksäcke nicht außergewöhnlich schwer, aber wir: komischerweise trotzdem total am Ende. Wir fühlen uns schlapp und philosophieren darüber, ob der Grund wohl unsere aktuelle Höhenlage sein könnte. Schließlich liegt Arequipa zweitausenddreihundertirgendwas Meter über dem Meeresspiegel. Es könnte auch die Müdigkeit sein, die Busfahrt, die uns noch nachhängt, Hunger oder eine Kombination aus allem. Vielleicht ist es auch die Psyche, die uns einen Streich spielt und wir bilden und das Ganze nur ein, aber nein, ganz sicher, das muss die Höhe sein. Wir müssen uns eben erst akklimatisieren.

Und so hängen wir in unserer neuen Unterkunft rum, eine helle kleine eigene Wohnung, schauen Serien; ab und zu ein bisschen Bewegung, wir wollen uns schließlich nicht wundliegen – aber langsam – ganz vorsichtig – OHGOTTDERKREISLAUF! Der gesamte Inhalt der letzten Tage.

Immer noch fühlen wir uns nicht ganz da, gerädert, seltsam; Körper oder Psyche? Egal. Obwohl wir so faul, äh akklimatisierend hier rumliegen und die Bude ungefähr nie verlassen, fühlt es sich dennoch ein wenig nach Draußensein an, dafür sorgen die riesengroßen Fenster in allen Räumen. Vierte Etage: der Ausblick ein Traum, im Blickfeld der noch aktive Vulkan Misti. Ab und zu winkt uns ein Nachbar von der Dachterrasse gegenüber zu, abends können wir Feuerwerke sehen.

Einmal haben wir es sogar für einen größeren Lebensmitteleinkauf zum Supermarkt geschafft. Und das war eigentlich eher Fleißarbeit als Hausaufgabe, schließlich kriegt man in Peru an jeder Ecke Mittagsmenüs (Vor -, Haupt-, Nachspeise, Getränk – in der Regel Saft) für ungerechtet drei bis vier Euro – Ich finde wir haben ein Sternchen verdient!

 

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Sophie

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