Feels like // Temporary  Home: Fort Lauderdale, USA

Abschalten, Angekommen, Wohnen

„Temporary Homes“ hatten wir schon viele. Bisher war es eher das erste Wort, das es zu betonen galt – Dieses Mal ist das anders.  Vollkommen anders.



// 04. – 08.10.2016 | Fort Lauderdale, USA

Wir sind ein bisschen gestresst, als wir durch das Tor der Gated Community in Fort Lauderdale gehen, wo sich die Wohnung von Audrey und Mo befindet. Ausgehungert, müde. Vor wenigen Minuten, auf dem Fußweg hierher, ist uns eine Tüte mit Lebensmitteln gerissen, die Essigflasche zerschmettert, ein kleiner Schnitt im Finger. Super, das hat uns noch gefehlt.

Da sind wir. Der zweite geschlossene Wohnkomplex innerhalb weniger Tage. Dass wir hier einfach durchgewinkt werden, uns weder erst ausweisen, noch warten müssen, bis der Pförtner nach vielen Versuchen die Gastgeber irgendwann telefonisch erreicht, um doch noch mal genauer nachzuhaken, sorgt schon mal für Erleichterung. Der Portier schenkt uns sogar ein Lächeln.

Obwohl wir die Haus- sowie auch die Appartementnummer kennen, müssen wir ein wenig suchen. Wir müssen verwirrt aussehen, als wir uns nach der Stimme umsehen, die plötzlich Stefans Namen ruft. Audrey. Sie steht wirkend auf dem mit Laternen in Frankreichs Nationalfarben dekorierten Balkon ihrer – unserer – Wohnung und weist uns mit Gesten und einem freundlichen Grinsen im Gesicht den Weg zum Eingang.

Sie freut sich uns kennenzulernen, sagt sie, wie die meisten, wenn man sich eben kennenlernt. Bei ihr scheint es mehr zu sein als eine Floskel. Sie lächelt, noch ein bisschen schüchtern, aber aufrichtig. Ihre Augen strahlen und wir mögen sie auf Anhieb. Genauso wie die Wohnung.

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Wir unterhalten uns, über dies, über jenes. Über  Frankreich, wo die beiden herkommen. Über  unsere Reise, die Hurrikanwarnung. Von letzterem hatten wir gerade erst  erfahren: Matthew soll also kommen, gut zu wissen; über Umwege dringt die Information zu uns durch. Freunde aus unserer Heimat fragen via WhatsApp nach unserem Befinden, wo wir sind, ihr wisst schon, wegen dem Hurrikan, und wir wissen erst einmal gar nichts. Während die BILD-Zeitung und Konsorten in Deutschland bereits die Leute verrückt zu machen scheinen, kriegen wir das Ganze erst jetzt mit. Kurz wühlen wir uns durch die Schlagzeilen, verwerfen die Recherche dann, sagen uns: hätten wir ja wohl mitgekriegt, wenn die Gefahr so groß wäre.

Audrey hat die Sache mitgekriegt,  natürlich weiß sie bestens Bescheid, verfolgt Matthews Laufbahn und wird dafür sorgen, dass wir für alle eventuelle Notfallsituationen gerüstet sind.

Sie zeigt uns unser eigenes Bad, dann unser Zimmer. Ein Sofa, ein frisch gemachtes Bett mit großen weichen Kissen, die Decken ordentlich drapiert, das Spannbettlaken glatt, stramm über die Matratze gezogen. Die Laken riechen sauber, genauso wie die blütenweißen Handtücher, die sie uns gibt. Ein bisschen nach Waschmittel, angenehm-unaufdringlich. Durch das Fenster fällt Sonnenlicht, auf unseren  Nachttischen gruppieren sich jeweils eine M&M-Packung, eine Flasche Wasser und eine Lindorkugel zu einem Ensemble kleiner Aufmerksamkeiten. Das Bett ist das gleiche, was in meinem alten Kinderzimmer steht und genauso schlafe ich auch: Wie Zuhause.

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Morgens steht Frühstück für uns bereit, die Kaffeemaschine ist bereits mit Wasser und der entsprechenden Menge an Kaffee gefüllt. Zuerst aber wollen wir zum Pool. Dass es gut ist, ihn jetzt zu nutzen, weil er die nächsten Tage gesperrt sein wird, wissen wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Audrey hat uns extra dafür – und für den Strand, an den wir nicht gehen werden – ein weiteres Paar Handtücher hingelegt, bunt bedruckt, Verwechslungsgefahr ausgeschlossen. Später werden wir feststellen, dass auch die benutzten Duschtücher neuen gewichen sind. Frisch gewaschen, gefaltet, blütenweiß. Sie wird sie täglich austauschen.

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Audrey und Mo sitzen in der Wohnküche, telefonieren sämtliche Hotels durch, im Notfall fahren wir einfach dorthin, sagen sie, sie kümmern sich darum. Audrey kauft Kerzen, große, kleine, mit und ohne Duft: eventuell könnte der Strom ausfallen. Sie befüllt sämtliche im Haushalt auffindbaren Behälter mit Wasser: eventuell könnte die Wasserversorgung lahmgelegt werden. Das Wasser, erzählt sie, sei ausverkauft. In sämtlichen Supermärkten. Davon überzeugen wir uns bei einem Lebensmitteleinkauf am zweiten Tag unseres Aufenthaltes selbst. Es fällt uns schwer, uns zum Rausgehen aufzuraffen, wir fühlen uns wohl hier, sehen überhaupt keinen Anlass, unser Nest zu verlassen. Aber wer weiß, sicher ist sicher, vielleicht sollten wir doch ein wenig vorsorgen. Es ist Mittwoch, nach aktuellem Stand sollte Matthew Donnerstag auf Freitag auf unserer Höhe sein, die meisten Modelle gehen allerdings nicht davon aus, dass er in Richtung Küste zieht, die Prognosen sehen gut aus soweit.

Der Einkauf ist anstrengend. Viel zu viele Menschen drängen sich durch die schmalen Gänge aus zum Teil vollkommen leergekauften Regalen. Einkaufswagen stehen im Weg und wir bemühen uns, den Einkauf  hinter uns zu bringen um den Laden schnellstmöglich wieder verlassen zu können.

Ein paar Minuten Fußweg nur, dann sind wir zurück „Zuhause“. Kaum steckt der Schlüssel im Schloss, kommt uns ein schokoladigsüßer Duft entgegen. Wir betreten die Wohnung und werden sogleich von Audrey und ihrem frischgebackenen Schokoladenkuchen in Empfang genommen. Er riecht nicht nur köstlich, er schmeckt auch so. Ein französisches Rezept. Wir genießen unser spontanes Kaffeekränzchen, fühlen uns geborgen und irgendwie wie bei einem Besuch bei zu lange nicht gesehenen Freunden oder lieben Verwandten. Außerdem habe sie Teig gemacht, nachher soll es Pizza Funghi geben, wir seien selbstverständlich auch eingeplant.

Audrey wird noch mehr Zeit in der Küche verbringen. Sie kocht kiloweise Reis vor, backt Quiches, sicherheitshalber, wegen dem Strom und so. Überhaupt werden Herd und Ofen während unserer Zeit hier ständig in Anspruch genommen. Unsere Gastgeberin bereitet eine Riesenportion Spaghetti mit Meeresfrüchten zu, ich backe Hefezöpfe und mache Kartoffel-Karottensuppe. Während ich im großen Topf rühre, sucht Audrey für mich in einem geflochtenen Korb voller Gewürze aus Marokko nach ganzen Muskatnüssen.  Vom Stromausfall bleiben wir verschont.

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Es regnet viel, fast täglich; stürmt, und wir verlassen das Haus nur selten – und vermissen trotzdem nichts. Matthew zieht zum Glück vorbei. Als wir  uns am Samstagnachmittag auf den Weg zum Flughafen machen, drückt uns Audrey eine große Plastiktüte in die Hand. Ein Lunchpaket. Später wird sie uns noch eine Nachricht schreiben, sich danach erkunden, wie unser Flug lief, wie es uns geht.

Nie haben wir uns an irgendeinem Ort auf unserer Reise bisher so wohlgefühlt, nie war ein Ort so vertraut, so gemütlich; nie das Gefühl nach einer zweiten Heimat so präsent. Wie ein Großelternbesuch in der Kindheit. Umsorgt werden, geborgen sein; nur mit Shirt und Fuchsunterhose bekleidet durch die Wohnung laufen können, denn: „Home is where your pants aren’t„.

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Sophie

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