Vom ersten Eindruck. Und dem zweiten.  // Temporary Home: L.A., USA

Angekommen, Wohnen

„Der erste Eindruck zählt“ – eine von vielen mehr oder weniger dämlichen Redewendungen, die man uns seit der Kindheit, spätestens wahrscheinlich ab Grundschulalter, eintrichtert. Aber tatsächlich: Der erste Eindruck formt sich schnell. Nur eine Zehntelsekunde braucht das Gehirn zum Bewerten des Neuen, zum Fällen eines ersten Urteiles. Der berühmt-berüchtigte erste Eindruck unserer derzeitigen Unterkunft jedenfalls: unterirdisch.



// 17.09.2016

Ankunft in Los Angeles. Mascha und Bene setzen uns vor unserer Unterkunft ab, misstrauisch beäugen wir den ausgetrockneten Vorgarten und die unzähligen Glockenspiele vor der Tür. Mehrere Schilder warnen vor einer angeblichen 24-Stunden-Kameraüberwachung, vor dem Haus verteilt stehen Pappteller mit Katzenfutter.

Wir erwarten nicht viel, haben nur einen Zeltplatz in einem Privatgarten mit Zugang zu Bad und eventuell auch Küche gebucht. Stefan klingelt und ein anderer Gast lotst uns in den Hinterhof. Wir gehen durch das schwere Holztor, schlucken, ob des Durcheinanders das uns umgibt. Der erste Eindruck – da ist er. Und er könnte wahrlich besser sein. Dann treffen wir auf unseren Gastgeber, er hantiert an einem alten Wohnmobil herum, räumt irgendwas ein oder aus oder beides. Stefan spricht ihn mit Vornamen an aber es dauert kurz, bis er uns wahrnimmt. Er sieht aus wie der Weihnachtsmann. Als er uns mit nacktem Oberkörper begrüßt noch nicht unbedingt, später dann – vollständig bekleidet – haargenau. Er entschuldigt sich, fragt, ob wir noch eine Weile warten können, er brauche noch kurz, um den RV  fertig zu machen, beeile sich aber. Aha. Wir bekommen ein Upgrade. Darauf hatten wir bereits gehofft. Schon in der Anzeige stand, dass sich bisher niemand mit einem Zelt zufrieden geben musste, er immer noch Platz im Wohnmobil oder einem seiner Gästezimmer, die er ebenfalls vermietet, übrig hatte. Tatsächlich fragen wir uns, wo für ein Zelt überhaupt Platz sein soll.

Wir bahnen uns unseren Weg durch das Chaos. Leere Flaschen, alte Elektrogeräte, Kisten, mehrere Katzen-Fressnäpfe, Zeug. Über lose Steinplatten stolpernd suchen wir eine freie Fläche, gerade groß genug um dort unsere Rucksäcke zwischenzulagern. Auf den zerrissenen Sitzflächen alter Stühle sitzend warten wir, bemüht, nicht vorschnell zu urteilen. Die Tatsache, dass der Ort so viele sehr gute Rezensionen hat, erstickt die aufkommenden Fluchtgedanken und motiviert uns einfach mal abzuwarten.

Geschäftig läuft Gary hin und her, räumt ein und aus, faltet frisch gewaschene Handtücher. Irgendwann ist er fertig. Nach einer weiteren Entschuldigung dafür, dass wir warten mussten – mittlerweile die vierte oder fünfte – überreicht er uns zur Begrüßung eine kleine braune Papiertüte. Eine Packung Bio-Kaffee aus einer örtlichen Rösterei. Er drückt uns einen Stapel Papier in die Hand, mehrere Din-A4-Seiten mit Freizeit- und Restaurantempfehlungen von ihm und seiner Frau, an den Ecken feinsäuberlich zusammengetackert. Dass er uns darin persönlich mit Vornamen begrüßt (so süß!), sehen wir erst später.

Dann bekommt jeder von uns ein kleines Kosmetik-Reiseset, originalverpackt. Vermutlich aus dem 1$-Shop um die Ecke – sein Lieblingsladen, erzählt er uns. Bevor Gary uns in das vollgestellte und ziemlich heruntergekommene Wohnmobil bringt, führt er uns durch das Haus. Zuerst durch die Küche, dann ins Bad. Auch drinnen ist alles vollgestellt, aber zu unserer Erleichterung nicht dreckig. Er öffnet einen doppeltürigen Kühlschrank, dann die Tiefkühltruhe, beides randgefüllt. Eier, Käse, Milch, Joghurt, Gemüse, mehrere Sorten Eiscreme, Bier, Softdrinks, Pizza, Tiefkühllasagne,… – Gute Produkte, vieles im Bioqualität. Alles darin ist für jeden, sagt er, wir schauen uns ungläubig an und fragen sicherheitshalber doch nochmal nach. Alles für jeden, bestätigt er uns, zeigt uns den Inhalt der Küchenschränke. Zig Sorten Frühstückscerealien, Süßkram, Tee, Kakao, Nudeln, Reis, Obst, Gewürze. Noch mehr Getränke – Auf den Coladosen stehen die Namen der Rentiere des Weihnachtsmannes: Dasher und Dancer, Comet und Cupid, Donner und Blitzen. Sophie glaubt nicht an Zufälle.  Für Lebensmittel müssen wir hier jedenfalls nichts ausgeben, das ist uns sofort klar. Zwei vollgestopfte Regale in der Ecke: Ein Sammelsurium an Küchengeräten. Mindestens zwei Reiskocher, Waffeleisen, Minibackofen, Mixer, Mikrowelle,  Vakuumiergerät, eine Eismaschine. Voller Stolz führt er uns den Pizzastückerwärmer vor, sein Favorit. Er lacht, überhaupt lacht er viel, und freut sich über unsere Reaktion. Es scheint ihm am Herzen zu liegen, dass wir uns wohlfühlen.

Vieles bleibt seltsam. Trotzdem: Erleichterung. Wir haben einen guten Fang gemacht. Und allein was wir hier an Lebensmitteln konsumieren, übersteigt den Preis, den wir für die vier Nächte zahlen.

Der erste Eindruck verblasst. Die Sprachlosigkeit hingegen bleibt noch eine Weile bestehen. Fest steht: Wir würden wiederkommen.

Sophie & Stefan 

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